Selbstliebe
Du gehst zum ersten Mal zu einem neuen Friseur. Du wirst zur Tür begleitet. Jemand fragt: „Kaffee oder lieber Kakao?" Du bekommst deinen Platz, deine Zeitschrift, und drei Fragen dazu, wie du deine Haare eigentlich gerne hättest. Selbst wenn währenddessen das Telefon klingelt – du bist gerade dran, und das interessiert in diesem Moment niemanden.
Beim zweiten, dritten, vierten Mal flacht das schon ab. Und bei dir selbst? Da ist der Neukunden-Bonus meistens schon vor dem Frühstück vorbei.
Uns selbst kennen wir schon ein paar Tage länger. Wir gehen jeden Tag mit uns um – und behandeln uns deshalb meistens nicht mehr mit der Neukundenvorfreude, die wir für andere aufbringen, sondern mit der Beiläufigkeit, mit der man Stammkundschaft abfertigt: „Ich komm gleich wieder."
Eine Teilnehmerin aus der Morgenausrichtung hat heute erzählt, wie sie morgens vor dem Aufstehen 5 bis 10 Minuten im Bett dehnt und streckt – bewusst, für sich, respektvoll. Und dann, im Laufe des Tages, flacht es ab. Sie findet wieder etwas, das besser sein könnte. „Da ist noch Luft nach oben", sagte sie.
Das ist kein Widerspruch. Alles an dir annehmen bedeutet nicht, dass dir plötzlich alles an dir gefällt. Das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Annehmen heißt: Auch die Seiten, die du ätzend findest, dürfen da sein – ohne dass du danach die Tür zuknallst.
Wo genau in deinem Tag hört dein Neukunden-Bonus für dich selbst auf? War es beim Aufstehen noch da – und ist beim dritten E-Mail-Check schon weg? Wähle einen einzigen Moment heute – den Kaffee, die Autofahrt, das Zubettgehen – und behandle dich darin wie eine Neukundin: mit Zeit, mit einer echten Frage, ohne nebenbei ans Telefon zu springen.
Nicht als hochglänzendes Motto für den Badezimmerspiegel. Sondern als Satz, den du dir genau in dem Moment sagst, in dem du gerade dabei bist, ihn zu vergessen.
Morgens 7 Uhr. 60 Minuten, die dich zurück zu dir bringen.
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