Selbstliebe

18. Juli 2026

Zwei Muster treffen aufeinander

Anna Vosters am Fenster, nachdenklich

Ein Gedanke taucht bei mir immer wieder auf, in ganz unterschiedlichen Situationen: Ich habe etwas falsch gemacht. Jetzt sind sie sauer auf mich. Manchmal ist der Auslöser winzig — ein kurzer Blick, ein Satz, der anders klang als sonst. Und trotzdem springt mein Kopf sofort zur gleichen Stelle: Ich habe einen Fehler gemacht, und jetzt zieht sich die Liebe zurück.

Lange dachte ich, dieser Moment erzählt nur eine Geschichte — die des Kindes. Inzwischen weiß ich: Da laufen zwei Geschichten gleichzeitig. Seine. Und meine.

Was im Kind passiert

In der Arbeit mit Patchworkfamilien gibt es dafür einen Namen: den Loyalitätskonflikt. Ein Kind, das sich bei der Bonusmama wohlfühlt oder sie sogar mag, spürt oft gleichzeitig ein schlechtes Gewissen der leiblichen Mutter gegenüber — als würde Nähe zur einen automatisch Verrat an der anderen bedeuten. Also zieht es sich zurück. Nicht, weil etwas falsch war. Sondern weil es selbst zwischen zwei Bindungen steht, die es beide behalten will.

Was in mir passiert

Und genau in diesem Moment trifft das Muster des Kindes auf ein eigenes, sehr altes Muster in mir: Nur wenn du alles richtig machst, wirst du geliebt. Keiner hat mir diesen Satz je genau so gesagt. Trotzdem hat er sich irgendwann in mich eingeschrieben, wahrscheinlich sehr früh. Und er meldet sich zuverlässig, sobald eine Reaktion nicht so ausfällt, wie ich sie mir gewünscht hätte.

Dann ist es nicht mehr „das Kind trägt gerade etwas Eigenes". Dann ist es sofort: Ich habe versagt, und die Liebe ist weg. Als müsste ich mir Zuneigung jeden Tag neu verdienen — und als würde sie beim kleinsten Fehler gestrichen.

Zwei Muster, ein Moment

Das ist der Punkt, an dem sich Spannung aufbaut — nicht, weil eine Seite etwas falsch macht, sondern weil zwei alte Muster gleichzeitig aktiv werden. Das Kind kämpft mit seiner Loyalität. Ich kämpfe mit meiner Angst, nicht gut genug zu sein. Beides trifft im selben Augenblick aufeinander, und beides hat eigentlich mit dem konkreten Moment kaum etwas zu tun.

Wenn ich mir das eingestehe, verändert sich etwas Entscheidendes. Ich muss die Distanz des Kindes nicht mehr sofort auf mich beziehen. Ich darf sie erstmal einfach so stehen lassen — als sein Thema. Und meine Angst, verurteilt zu werden, darf ich als meins erkennen. Nicht, um sie wegzudrücken, sondern um ihr zu sagen: Ich werde nicht geliebt, weil ich alles richtig mache. Ich darf geliebt werden, auch wenn ich einen Fehler mache.

Eine Frage für dich

Wenn im nächsten Moment jemand auf Distanz geht — kannst du unterscheiden, welcher Teil davon wirklich mit dir zu tun hat, und welcher Teil ein eigenes Muster des anderen ist, das gerade nur zufällig in deiner Nähe auftaucht?

Leg dir die Frage für einen Moment neben den Abwasch oder die Kaffeetasse. Du musst sie nicht sofort beantworten. Nur stellen.

Wenn du morgens lieber mit jemandem zusammen in solche Gedanken hineingehst, statt allein im Kopf-Karussell zu landen: Ich sitze täglich um 7 Uhr mit einer kleinen Runde zusammen, ziehe Karten, wir sprechen über genau solche Momente — und schließen mit einer kurzen Meditation. Auch samstags und sonntags.

→ Zur Morgenausrichtung