Selbstliebe
Gestern Abend saß ich am Handy. Scrollte. Und dann: eine schreckliche Nachricht. Menschen, die ich nicht kenne. Ein Ort, an dem ich nie war. Und trotzdem legte sich sofort etwas Schweres auf meine Brust.
Kurz danach lachte ich über etwas, das mein Mann sagte. Und sofort kam der nächste Gedanke: Darf ich das gerade? Nach so einer Nachricht?
Es gibt einen Unterschied zwischen echtem Mitgefühl und übernommenem Leid. Mitgefühl ist da, fließt, und lässt trotzdem Platz für das nächste Gefühl – auch für Freude, fünf Minuten später. Übernommenes Leid dagegen setzt sich fest. Es sagt: Wenn andere gerade leiden, darf es mir nicht gut gehen. Sonst bin ich ein schlechter Mensch.
Nur: Wem hilft das? Den Menschen, die eine schreckliche Nachricht wirklich direkt trifft – Angehörigen, Betroffenen, denen, die dabei waren –, denen hilft es nichts, wenn ich hier auf meinem Sofa meine Freude einfriere. Es fühlt sich nur so an, als würde es helfen. Als wäre Mitleiden eine Art Solidarität.
Ist es aber nicht. Es ist eher ein altes, erlerntes Muster: Wenn ich nicht mitleide, werde ich zum Außenseiter. Also leide ich lieber mit – auch bei Dingen, die mich gar nicht direkt betreffen.
Wenn mich eine schwere Nachricht erreicht, stelle ich mir inzwischen eine einzige Frage: Kann ich hier gerade etwas tun?
Wenn ja: Ich tue es. Ich schreibe die Nachricht, ich rufe an, ich gehe zu der Person hin, ich lege Geld beiseite. Und dann lasse ich das Gefühl los, weil ich etwas Konkretes daraus gemacht habe.
Wenn nein: Ich lasse das Gefühl da sein – kurz, ehrlich, ohne es wegzudrücken. Und dann lege ich es ab, statt es tagelang mit mir herumzutragen. Nicht weil es mir egal wäre. Sondern weil Dauertragen niemandem hilft, dem ich nicht mal die Hand reichen kann.
Anders ist es, wenn jemand aus deinem Leben direkt betroffen ist – eine Freundin, ein Kollege, jemand, dem etwas Schlimmes passiert ist. Dann reicht Mitgefühl aus der Distanz nicht mehr, dann willst du wirklich da sein. Ein paar Dinge, die tatsächlich helfen, mehr als gut gemeinte Ratschläge:
Ein paar Dinge helfen dabei tatsächlich, mehr als gut gemeinte Ratschläge. Frag konkret: "Was brauchst du gerade – reden, Ablenkung, oder soll ich einfach nur da sein?" Statt zu raten, was gut für die Person wäre. Halt aus, statt zu lösen – du musst das Gefühl des anderen nicht reparieren, oft reicht: neben jemandem sitzen, ohne etwas sagen zu müssen. Biete etwas Konkretes an, statt "Sag Bescheid, wenn ich was tun kann" zu sagen – konkret heißt: "Ich bring dir heute Abend Essen vorbei" oder "Ich hol die Kinder von der Schule ab." Und frag später nochmal nach: Die meiste Unterstützung kommt in den ersten Tagen und hört dann auf. Ein Nachfragen nach zwei Wochen zeigt oft mehr Verbindung als alles davor.
Das ist der Unterschied zwischen Energie, die wirkt, und Energie, die nur in dir kreist. Menschen, die in schwierigen Zeiten wirklich etwas bewegen – ob im Kleinen bei Freunden oder im Großen in ihrer Arbeit – unterscheiden fast immer zwischen dem, worauf sie Einfluss haben, und dem, was sie nur belastet. Sie fühlen genauso viel wie alle anderen. Aber sie verwandeln das Gefühl in eine Handlung, wo eine Handlung möglich ist – und lassen es ziehen, wo keine möglich ist.
Wann hast du dir das letzte Mal eine Freude verboten, weil irgendwo, bei Menschen, die du nicht kennst, etwas Schlimmes passiert ist – ohne dass du etwas hättest tun können? Und wann hast du umgekehrt bei jemandem, der dich wirklich braucht, mit Ratschlägen reagiert, statt einfach zu fragen, was gebraucht wird?
Das eine ehrt die Menschen, die wirklich betroffen sind. Das andere nährt nur ein altes Muster in dir – und hilft niemandem.
Morgens 7 Uhr. 60 Minuten, die dich zurück zu dir bringen.
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